Mit der Himmelstreppe zu den Ötschergräben und nach Mariazell
Von Reinhard Mandl
Mit der Mariazellerbahn geht es mitten hinein ins Ötscherland: Schon die Fahrt mit der „Himmelstreppe“ bietet schöne Ausblicke. In den Ötschergräben führen schmale Stege vorbei an rauschenden Bächen, kleinen Wasserfällen und beeindruckenden Felsformationen. Dazu kommen Begegnungen am Wegesrand und immer wieder neue Perspektiven auf den Ötscher, den „Vaterberg“ des Mostviertels. Zum Abschluss wartet Mariazell mit seiner berühmten Basilika, bevor es wieder nach Hause geht.
Mit der Himmelstreppe durchs Pielachtal
Wer regelmäßig auf der Weststrecke fährt, hat am Hauptbahnhof St. Pölten die goldfärbigen Triebwagenzüge mit der Aufschrift „Himmelstreppe“ vermutlich schon einmal gesehen. Seit 2013 verkehren diese auffälligen Zuggarnituren auf der Mariazellerbahn zwischen St. Pölten und Mariazell. Diese Schmalspurbahn steht unter der Obhut der Niederösterreich Bahnen und da sie auch Teil des Verkehrsverbundes Ost-Region (VOR) ist, gilt hier auch das KlimaTicket Ö.
Die Schaffnerin der „Himmelstreppe“ steht am Bahnsteig und begrüßt jeden einzelnen Fahrgast persönlich. Statt abgeklärter Eisenbahn-Routine bekomme ich hier ein freundliches Lächeln geschenkt, das meine Vorfreude auf die Fahrt noch zusätzlich befeuert. Das bisschen Morgennebel kann daran nichts ändern, der wird sich bald in Luft auflösen.
Die „Himmelstreppe“ ist erstaunlich modern ausgestattet. Über Bordmonitore werden wir über den Streckenverlauf informiert, und mit Live-Bildern aus einer Kamera am Ende des Zuges versorgt. Spannender finde ich aber „Live-aus-dem-Zugfenster-schauen“: Soeben sind wir in den Alpenbahnhof St. Pölten eingefahren, dem neuen Zentrum der NÖVOG, der niederösterreichischen Verkehrsorganisationsgesellschaft. Hier werden auch die historischen Züge gewartet, die auf den verschiedenen Niederösterreich Bahnen zum Einsatz kommen. Auf Abstellgleisen stehen mehrere alte Lokomotiven.
Mittlerweile sind wir auf leisen Schienen vom Traisental ins Pielachtal gerollt, ins „Dirndltal“. Wer dabei an Trachtenmode denkt, liegt falsch: „Dirndln“ heißen hier auch die Früchte der Kornelkirsche, die im Pielachtal besonders prächtig gedeiht. Dieser Frucht zu Ehren, aus der unter anderem köstliche Marmeladen hergestellt werden, findet jedes Jahr im September der Dirndlkirtag statt, bei dem selbstverständlich auch viele Frauen in Dirndlkleidern kommen!
Der Ötscher rückt näher
Mir gegenüber sitzt ein Mittvierziger, der zehn Mal pro Jahr zum Wandern ins Ötschergebiet fährt, wie er mir erzählt. Heute geht er von Mitterbach auf die Gemeindealpe, einem der beliebtesten Aussichtsberge im Mariazellerland. Wissbegierig frage ich meinen Sitznachbarn, welche Tour er einem Neuling in dieser Gegend empfehlen würde. „Am besten, Du fährst bis Wienerbruck-Josefsberg und gehst über das Naturpark-Infozentrum Ötscher-Basis hinunter in die Ötschergräben. Beim Ötscher-Hias, nach zirka eineinhalb Stunden Gehzeit, musst Du Dich dann entscheiden, ob Du auf demselben Weg zurückgehen oder lieber eine Runde über das Forstgut Hagen zum Bahnhof Erlaufklause machen willst“, führt mein Gegenüber aus. Genau das hatte ich ohnehin vor!
In Laubenbachmühle beginnt der bergige Teil der Strecke. Hier wurde ein modernes Betriebszentrum für die Mariazellerbahn errichtet, wo die Triebwägen der „Himmelstreppe“-Flotte repariert und gewartet werden. 13 Minuten dauert die Fahrt von Laubenbachmühle hinauf zur Station Winterbach. Angesichts des Höhenunterschiedes von fast 200 Metern ist das eine beachtliche Leistung. Winterbach liegt 719 Meter über dem Meer. Der höchste Punkt auf der Strecke der Mariazellerbahn, die ursprünglich Niederösterreichisch-Steirische Alpenbahn hieß, ist damit aber noch nicht erreicht. Der befindet sich inmitten des Gösingtunnels auf knapp 900 Metern Seehöhe.
Kaum verlassen wir dieses finstere Loch, steht er plötzlich vor uns: mächtig und hochaufragend – der Ötscher! Dass angesichts dieses eindrucksvollen Anblicks hier ein Hotel errichtet wurde, überrascht mich nicht. Vor Kurzem wurde dieses 100 Jahre alte Traditionshaus allerdings geschlossen.
Bei der Haltestelle Wienerbruck-Josefsberg steige ich aus dem Zug. Das Bahnhofsgebäude ist schön herausgeputzt, befindet sich jedoch seit 2014 in Privatbesitz. Heute beherbergt es zwei Ferienwohnungen mit Blick auf einen kleinen Stausee. Mit der Kraft dieses Wassers wird unten im Tal Strom für die Mariazellerbahn erzeugt. Nur wenige Schritte von der Bahnstation entfernt, befindet sich das Naturparkzentrum Ötscher-Basis. Das multifunktionale Holzgebäude bietet nicht nur Informationen über das Ötscher-Tormäuer-Gebiet, es beherbergt auch einen Shop und ein Restaurant. Außerdem ist es ein perfekter Ausgangspunkt für Wanderungen.
Am Tor zu den Ötschergräben
Zunächst geht es am Südufer des Stausees flach dahin, dann führt der Waldmarkweg entlang des Lassingbaches in tiefere Gefilde. Nach 20 Minuten gelange ich zu einem Steg, der in luftiger Höhe über den Gebirgsbach führt. Kurz davor zweigt rechts ein steiler Pfad zum Kaiserthron ab. Dieser schweißtreibende Abstecher bringt mich in einer knappen Viertelstunde auf eine Anhöhe, die mich weit in die Ötschergräben hineinblicken lässt. Viele Jahrtausende hat der Ötscherbach benötigt, um dieses Tal zu formen, blicken lässt er sich von hier oben allerdings nicht. Im Gegensatz zum Kraftwerk Wienerbruck, das zwischen 1908 und 1911 errichtet wurde, um die Elektrifizierung der Mariazellerbahn zu ermöglichen – eine visionäre Tat, denn nie zuvor wurde eine so lange Bahnstrecke mit Strom betrieben!
Was ich ebenfalls vom Kaiserthron sehe, ist der höchste Berg des niederösterreichischen Mostviertels, der Ötscher. Sein Name leitet sich vom keltischen Wort ocan her, deshalb trägt er den Beinamen „Vaterberg“. Von meinem Standpunkt aus bekomme ich nur seine Schmalseite zu Gesicht. Besonders eindrucksvoll präsentiert sich aus dieser Perspektive der Raue Kamm, der Ostgrat-Aufstieg zum 1893 Meter hohen Ötscher.
Mit einem mulmigen Gefühl gehe ich denselben steilen Pfad zurück. Eine Info-Tafel warnt vor Steinschlag- und Absturzgefahr. Bei Schlechtwetter ist die Begehung dieses alpinen Steiges verboten. Unten bei der Einstiegsstelle sind diese Warnhinweise allerdings nicht zu finden.
Der gut gesicherte Weg hinunter bis zum Kraftwerk Wienerbruck führt durch mehrere pittoreske Felsdurchgänge. In einer guten Viertelstunde bin ich unten am Stierwaschboden. Unweit der Stelle, wo der Ötscherbach in die Erlauf einmündet, steht das Kraftwerk Wienerbruck, das auch besichtigt werden kann.
Durch die Ötschergräben
Auf einer Holzbrücke überquere ich nun den Ötscherbach und halte mich links. Hier beginnen die Ötschergräben. Die Bezeichnung „Ötschergraben“ wäre korrekter, denn es ist nur ein tief eingeschnittener Graben, der sich zirka sechs Kilometer in die Länge zieht. Der meistbegangene Abschnitt vom Stierwaschboden bis zum Ötscherhias hat sich aber als „Vordere Ötschergräben“ eingebürgert, zur besseren Unterscheidung vom hinteren Teil bis zum Schleierfall, der „Hintere Ötschergräben“ genannt wird.
Bereits vor sehr langer Zeit wurde dieses einst völlig unwegsame Gebiet von Holzknechten und Triftarbeitern im Auftrag des Stiftes Lilienfeld erschlossen. Auf diese Pionierarbeit geht der heute bestens ausgebaute Wanderweg zurück. Immer wieder wechsle ich über schmale Holzstege von einer Uferseite des Ötscherbaches zur anderen. Das von ihm geformte Tal zählt wegen seiner Schönheit und Geschlossenheit zu den erstrangigen Naturschätzen des Alpenraumes. Die Bezeichnung der Ötschergräben als den „Grand Canyon Österreichs“ halte ich dennoch für übertrieben und irreführend.
Mein Weg entlang des Ötscherbaches führt an kleinen Wasserfällen vorbei. Immer wieder stoße ich auf sonnige Buchten, wo Wandersleute im grünen klaren Gebirgswasser ihre Füße kühlen. Besonders Wagemutige nehmen sogar ein erfrischendes Bad. Angenehm kühl empfinde ich auch die vielen Schattenpassagen auf meinem Weg. Trotz ihrer geringen Seehöhe weisen die Ötschergräben einen ausgesprochen alpinen Charakter auf. Das vorherrschende Gestein – Ramsaudolomit – ist besonders kleinbrüchig und verwittert zu bizarren Felsen. Es besteht aus Resten von Lebewesen aus tropischen Flachmeeren, lese ich später in Werner Gameriths Buch „Ötscherland“ nach.
Bald kommt die urige Jausenstation Ötscherhias, Baujahr 1938, in mein Blickfeld, die über einen Steg erreichbar ist. Bei Schmalzbrot und Bier schmiede ich einen Plan: Ich gehe auf demselben Weg zurück und schau mir die Vorderen Ötschergräben auch aus der Gegenrichtung an. Um 14:32 Uhr versuche ich in Wienerbruck den Zug nach Mariazell zu erreichen. Die Hinteren Ötschergräben, die am Mirafall und am Schleierfall vorbeiführen, hebe ich mir auf für einen späteren Ausflug.
Ich bin ziemlich flott unterwegs und trotzdem höre ich hinter mir plötzlich Schritte. Es ist ein Trailrunner, der mich überholt. Kurz vor mir bleibt er an einer Weggabelung stehen, um sich zu orientieren. „Wo bist Du gestartet?“, frage ich ihn. „In Lackenhof – ich bin über den Ötscher und den Rauen Kamm in die Gräben gelaufen“, erzählt er. Knapp sechs Stunden ist der Extremsportler bereits unterwegs. Seine High-Tech-Uhr zeigt ihm auch die zurückgelegte Distanz an: 29 Kilometer! „Und wie weit läufst Du noch?“ Seine verblüffende Antwort lautet: „Na eh wieder zurück nach Lackenhof, ich umrunde den Ötscher!“ Insgesamt legt er dabei rund 60 Kilometer zurück, unglaublich!
Dagegen ist meine Ötschergräben-Wanderung nur ein kurzer Spaziergang, obwohl ich insgesamt schon knapp vier Stunden unterwegs gewesen bin.
Auf Schienen zum Gnadenort
Der Zug ist pünktlich. Während der kurzen Fahrt bis zum Endbahnhof der Mariazellerbahn raste ich mich ein wenig aus. Diese Bahnlinie verdankt ihre Existenz nicht dem Güterverkehr, sondern dem schier endlosen Strom an Pilgerinnen und Pilgern, die vor allem im 19. Jahrhundert, zu Zeiten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, nach Mariazell unterwegs waren: zunächst zu Fuß, dann mit der Bahn, und später per Bus und im eigenen Auto. In letzter Zeit sind auch Fußwallfahrten wieder populär geworden, ebenso wie das Bahnfahren mit der modernen Mariazellerbahn, auf der in ihren besten Zeiten bis zu 25 Züge täglich verkehrten, die 10 000 Gläubige in den Gnadenort brachten.
Der blumengeschmückte Bahnhof von Mariazell, der 2024 umfassend renoviert werden soll, liegt zirka 20 Gehminuten von der berühmten Basilika entfernt. Ich habe Glück und erwische den Bus nach Kapfenberg, der mich das Stück bis zum Busbahnhof im Zentrum der Stadt mitnimmt. Ich sage dem Chauffeur, dass ich ein KlimaTicket besitze, herzeigen muss ich es nicht, er glaubt mir einfach.
Zu Fuß hier einzutreffen, auf einem der vielen Mariazellerwege, die aus allen Himmelsrichtungen hierherführen, ist vermutlich ein besonders erhebendes Gefühl. Aber auch der erste Anblick der drei Türme der Basilika durch die große Windschutzscheibe des Busses ist ein Erlebnis. Bei näherer Betrachtung stellt sich aber Ernüchterung ein: Zu viele Autos rund um das Gotteshaus, zu viel Trubel und zu wenig Heiterkeit. Vor den Stiegen treffe ich einen Pilger in Steirertracht. Er kommt aus Köflach, drei Tage Fußmarsch liegen hinter ihm.
Ich betrete das habsburgische Hauptheiligtum und gehe vor bis zur Gnadenkapelle. Viel Gold und Glanz umgibt die kleine Marienfigur mit Jesuskind aus Lindenholz. Sie ist die Magna Mater Austriae – Große Mutter Österreichs, und gleichzeitig Magna Hungarorum Domina – Große Herrin Ungarns, ebenso wie Mater Gentium Slavorum – Mutter der slawischen Völker.
In der Kerzenkapelle hinter der Kirche zünde ich ein Licht an, anschließend besorge ich jenen bekannten Mariazeller Magenlikör, der schon seit Jahrzehnten in unserer Familie gute Dienste leistet, und als Mitbringsel Original Mariazeller Honiglebkuchen. Eigentlich wollte ich in Mariazell auch noch Essengehen, doch daraus wird nichts. Auf dem Weg zum Bahnhof versorge ich mich in einem Supermarkt noch schnell mit Reiseproviant: zwei warme Leberkäsesemmeln und ein kühles Bier. Die Schaffnerin wünscht mir guten Appetit und ich lass es mir schmecken, während draußen vor dem Zugfenster die Landschaft des Ötscherlandes im letzten Licht der Abendsonne erstrahlt.
Dieser Text ist eine vom Autor gekürzte Fassung von Kapitel 3 seines Buches Österreich mit dem KlimaTicket entdecken – 20 Ausflüge mit Bus und Bahn