Auf dem Welterbesteig von Krems nach Dürnstein

Von Reinhard Mandl*

Die Wachau ist mit ihren pittoresken Terrassenweingärten, Trockensteinmauern und intakten Ortsbildern ein Gesamtkunstwerk. Ich fahre von Wien Heiligenstadt über Absdorf-Hippersdorf auf dem „Kremser Ast“ der Franz-Josefs-Bahn ohne Umsteigen nach Krems, zum Startpunkt des Welterbesteiges Wachau. Die erste Etappe dieses Weitwanderweges führt mich nach Dürnstein. Zurück geht es mit einem Linienbus zunächst zum Bahnhof Krems und dann mit dem Zug weiter nach Wien.

Vom Kremser Bahnhof durch die Altstadt

Der Kremser Bahnhof befindet sich unweit der Unteren Landstraße, der zentralen Fußgängerzone in der sehenswerten Kremser Altstadt. Ohne Umschweife gehe ich hinauf zum Hohen Markt, dem Ausgangspunkt des Welterbesteiges Wachau. Obwohl die erste Etappe nach Dürnstein nur knapp 13 Kilometer lang ist, wird für diese Strecke eine Gehzeit von viereinhalb Stunden prognostiziert, denn in Summe sind dabei stattliche 548 Höhenmeter zu überwinden. 

Die Piaristengasse führt mich zur gleichnamigen Kirche. Ihr Turm trägt als einziger Kirchturm Österreichs kein Kreuz auf seiner Spitze, sondern das Wappen der Stadt Krems. Ich gehe die Frauenberggasse hinunter und auf der Kreuzbergstiege gleich wieder hinauf. Immer wieder bleibe ich stehen und blicke zurück auf die eindrucksvolle Dachlandschaft, die vom „Dom der Wachau“, der Kremser Stadtpfarrkirche, überragt wird.

Bald erreiche ich Stein, das bis 1938 eine eigene Stadt gewesen ist. Der heutige Kremser Stadtteil Stein ist Sitz der Donau-Universität und der Kunstmeile Krems, wo sich mehrere prominente Museen aneinanderreihen. Die silbrig-glänzende Hülle der neuen Landesgalerie Niederösterreich erspähte ich bereits vom Kreuzberg.

Von der Steiner Kellergasse ist es nicht weit bis zur Frauenbergkirche, die auf einem uralten Siedlungsplatz steht. In den 1960er-Jahren wurde die Kirche in ein Kriegerdenkmal verwandelt.

Aussichten über die Donau und Terrassenweingärten

Neben dem Tunnelende der Wachaubahn am Ortsrand von Stein steige ich eine steile Stiege hinunter und eine noch steilere gleich wieder hinauf. Tief unter mir ist nun die eiserne Donaubrücke zwischen Krems und Mautern zu sehen, und dahinter am Horizont thront das Benediktinerstift Göttweig. Vom Aussichtspunkt nahe der Ried Pfaffenberg blicke ich auf die bewaldeten Hänge des Dunkelsteiner Waldes am gegenüberliegenden Donauufer.

Auf der linken Seite des Flusses, genau zu meinen Füßen, blicke ich über Weingärten bei Unterloiben, die durch die Trasse der Wachaubahn begrenzt werden. Bis zum Bau der Bundesstraße Ende der 1950er-Jahre war die Bahn das wichtigste Verkehrsmittel am linken Donauufer. Ihr Beitrag zur touristischen Erschließung der Region kann gar nicht hoch genug gepriesen werden. Dass die denkmalgeschützte Wachaubahn heute nur mehr saisonal für Nostalgiefahrten genutzt wird, ist eine Schande.

Kurvenreich windet sich der Welterbesteig durch pittoreske Terrassenweingärten, die fast die Hälfte der Wachauer Rebflächen ausmachen. In besonders steilen Lagen ist diese Art des Weinbaus die einzig mögliche. Terrassenweingärten verdanken ihre Existenz den Trockensteinmauern. Manche wurden erst vor Kurzem neu errichtet, andere hingegen stammen aus dem 19. oder gar aus dem 18. Jahrhundert und sind immer noch stabil.

Das Wissen und vor allem die Erfahrung, die bei ihrer Errichtung nötig sind, werden von einer Weinbauerngeneration zur nächsten weitergegeben. Die wasserdurchlässigen Trockensteinmauern sind ein Markenzeichen der Wachau und obendrein auch ein kostbarer Lebensraum für viele Tierarten, zum Beispiel für die seltene Smaragdeidechse.

Höhereck, Wachauer Weinblick & Burgruine Dürnstein – Highlights am Welterbesteig Wachau

Der nächste Bergrücken auf meinem Weg heißt Höhereck und steht aufgrund der hier vorkommenden Trockenrasenarten unter Naturschutz. In einiger Distanz erkenne ich das Franzosendenkmal bei Loiben, das an die Schlacht bei Dürnstein im Jahr 1805 erinnert.

Vom „Wachauer Weinblick“ schaue ich über das Anbaugebiet der Genossenschaft „Domäne Wachau“ in Richtung Süden und nach Westen zu tritt die Burgruine Dürnstein immer deutlicher in Erscheinung. Gleich daneben sehe ich bunt gekleidete Gestalten, die im Klettergarten Dürnstein in Gneis-Felsen hängen.

Mir ist schon der Aufstieg zur Burgruine steil genug. In den unwirtlichen Gemäuern dieser Felsenburg wurde im Jahr 1192/93 der englische König Richard Löwenherz gefangen gehalten und erst gegen Bezahlung eines astronomisch hohen Lösegeldes wieder freigelassen.

Ich steige höher und höher, blicke hinunter zur Donau, die sich in Richtung Westen elegant in die Kurve legt. Zurück Richtung Osten schweift mein Blick über den „Däumling“ im Klettergarten nach Stift Göttweig.

Abstieg über den Eselweg &  Wachauer Spezialitäten

Beim Abstieg von der Burgruine in den Ort wähle ich den kürzeren, aber schwierigeren Eselweg. Unglaublich kompakt schmiegen sich die wenigen Häuser von Dürnstein aneinander. Plötzlich stehe ich auf der Hauptstraße, durch die sich ein schier endloser Strom von Menschen bewegt.

In der Bäckerei Schmidl kaufe ich eines der berühmten „Wachauer Laberl“, die hier schon seit Jahrhunderten hergestellt werden. Unter der Clemens-Holzmeister-Linde vor dem ehemaligen Kloster der Klarissen finde ich ein ruhiges Plätzchen für meine „Laberl“-Verkostung. Das Gebäck ist außen schön knusprig, innen flaumig und schmeckt vorzüglich. Im schattigen Gastgarten des Gasthauses „Sänger Blondel“ gehe ich zum zweiten Teil meiner kulinarischen Wachau-Entdeckungsreise über. Ich bestelle eine Portion Marillenknödel und dazu ein Glas Grünen Veltliner.

Stift Dürnstein entdecken: Museum und Blick auf den berühmten blauen Kirchturm

Mein nächster Weg führt mich ins Stift Dürnstein, wo schon lange keine Mönche mehr hausen. Das Barockjuwel befindet sich heute im Besitz des Augustiner Chorherrenstifts Herzogenburg, das hier seit 2019 in Zusammenarbeit mit dem Land Niederösterreich ein Museum betreibt. 

Ich besichtige die Dauerausstellung, die mich auch zur Donauterrasse des Stiftes führt. Hier kann ich eines der bekanntesten Wachau-Wahrzeichen aus nächster Nähe betrachten: den Turm der Stiftskirche, der seit den 1980er-Jahren wieder in seinen ursprünglichen Farbtönen Blau und Weiß erstrahlt. Direkt unter der Terrasse verläuft die Donaupromenade, auf der sich Spaziergängerinnen und Radausflügler tummeln.

Einer der beschaulichsten Flecken an der Promenade ist der Malerwinkel. Er erinnert daran, dass es die Künstler gewesen sind, die mit ihren Gemälden die Wachau als Sehnsuchtsort populär machten. Ich gehe entlang der Promenade zum Busparkplatz. Etwas wehmütig steige ich in den Linienbus 715, der im Stundentakt zurück zum Bahnhof Krems verkehrt – viel lieber wäre ich mit der Wachaubahn gefahren.

* Dieser Text ist eine vom Autor gekürzte Fassung von Kapitel 11 seines Buches Österreich mit dem Klimaticket entdecken – 20 Ausflüge mit Bus und Bahn.