Nach Vent im Öztal
Von Reinhard Mandl*
Frühmorgens fahre ich mit dem Zug bis Ötztal-Bahnhof. Von dort geht es per Bus über Sölden weiter ins Tiroler Bergsteigerdorf Vent auf 1900 Metern Seehöhe. Nicht im Traum hätte ich bis vor Kurzem gedacht, dass ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln so bequem an einen so fernen Ort gelangen könnte! Noch am selben Tag wandere ich von Vent hinauf zum höchstgelegenen dauerhaft bewirtschafteten Bauernhof in Mitteleuropa.
Von Wien nach Vent
Genau sieben Stunden sind vergangen, seit ich Wien verlassen habe. In Vent, auf rund 1900 Metern Seehöhe, hat der Bus seine Endstation. Nur mit dem eigenen Auto wäre es möglich, auch noch bis zum rund einen Kilometer entfernten Berggasthaus Rofenhof und zur Pension Geierwallihof zu fahren. Dort ist dann endgültig Schluss mit Asphalt und Beton. Zu den Rofenhöfen führt aber nicht nur eine Straße, sondern auch ein überaus reizvoller Wanderweg, der sich entlang der Rofenache hinauf zum höchstgelegenen dauerhaft bewirtschafteten Bauernhof in Mitteleuropa schlängelt.
Auf den Spuren der Steinzeit
Mit leichtem Gepäck – den großen Rucksack lasse ich in Vent im Hotel – mache ich mich auf den Weg, der unerwartet einfach zu begehen ist und abgesehen von der wunderbaren Bergkulisse auch mit einer prähistorischen Fundstelle aufwarten kann, denn er führt an den Resten eines steinzeitlichen Jagdlagers vorbei. Ich gehe hier auf einem Weg, auf dem nachweislich bereits vor 10 000 Jahren Menschen unterwegs waren!
Archäologische Ausgrabungen ergaben, dass Jäger und Sammler der Mittleren Steinzeit in den Sommermonaten regelmäßig das Rofental aufsuchten, um von hier zu Hochgebirgsjagden auf Steinböcke, Gämse oder Murmeltiere aufzubrechen. Wo ich jetzt stehe, saßen 7600 vor Christus Menschen in einfachen Hütten um eine Feuerstelle herum, verarbeiteten ihre Jagdtiere oder waren mit der Herstellung ihrer Waffen beschäftigt. Jahrtausende später, in der frühen Bronzezeit um 2000 vor Christus, nutzten Hirten diese Geländestufe am Schnittpunkt zweier Täler als Weideplatz für Schafe und Ziegen.
Haflinger, Alpenrosen und eine spektakuläre Hängebrücke
Schafe begegnen mir auch heute an diesem besonderen Ort, und vereinzelt sehe ich sogar Haflinger. Diese freundlichen und sensiblen Pferde bewegen sich völlig frei in dieser paradiesischen Landschaft. Sie sind perfekt ans karge Leben im Gebirge angepasst. Überall in der Landschaft blühen hellrote Sträucher. Sie werden Almrausch genannt, aber eigentlich heißen sie Alpenrosen und gehören zur Familie der Heidekrautgewächse.
Mittlerweile rücken auch die Rofenhöfe in mein Blickfeld. Nahe der Rotte Rofen stürzt ein tief eingeschnittener Gebirgsbach zu Tal, der in die Rofenache einmündet. Ich überquere dieses tosende Gewässer auf einer Hängebrücke, die mir imposante Blicke in die tiefe Schlucht ermöglicht.
Einkehr im Rofenhof
Unerwartet viele Wandersleute sitzen im Gasthaus Rofenhof unter großen Sonnenschirmen auf der Terrasse. Kaum zu glauben, dass ich erst heute früh mit Blick auf den Wiener Stephansdom Richtung U-Bahn gegangen bin! Nun sitze ich hier oben und denke zurück an den Moment, als ich Vent erst nach langem Suchen auf der Landkarte fand. Ich bestelle ein großes Glas Holunderblütensaft, die Wirtin serviert es persönlich. Trotz des regen Betriebes nimmt sie sich Zeit fürs Gespräch. Sie erzählt mir, dass die Rofenhöfe den Familien dreier Brüder gehören. Zwei der Klotz-Brüder leben schon seit Langem vom Bergtourismus. Sie führen die Pension Geierwalli, benannt nach dem bekannten Film, der hier gedreht wurde, und den Berggasthof, in dem ich mich gerade befinde. Der dritte Klotz-Bruder betreibt in Rofen eine erfolgreiche Haflingerzucht.
Die Geschichte der Rofenhöfe
Eigentlich wirken die Rofenhöfe nicht besonders alt. Doch dieser Eindruck täuscht, den bereits im Jahr 1280 wurden hier erstmals Bauernhöfe erwähnt. Ihre abgeschiedene Lage als höchste Dauersiedlung der Ostalpen bescherte ihnen verschiedene Sonderrechte, etwa die völlige Steuerfreiheit. Außerdem konnten sie Asylrechte gewähren, zum Beispiel Herzog Friedrich IV., dem berühmten „Friedl mit den leeren Taschen“, der Anfang des 15. Jahrhunderts hier Unterschlupf fand.
Durch die Rofenschlucht
Auf Empfehlung von Frau Klotz, wandere ich nach dem Gasthausbesuch noch ein Stück entlang der Rofenache weiter in Richtung Hochjoch-Hospiz. Auf einem bequemen Weg durchquere ich fantastische Bergwiesen, auf denen viele Kräuter und Blumen blühen, zum Beispiel die hübsche Gelbe Alpen-Kuhschelle. Bald erreiche ich die spektakuläre Rofenschlucht. Der mit Seilen gesicherte Weg durchs felsige Gestein wird nun immer schmaler, und tief unter mir rauscht die Rofenache. Die Wirtin hat nicht zu viel versprochen – ich bin überwältigt von diesem Anblick!
Vent – ein Bergsteigerdorf zum Wiederkommen
In meinem Hotel in Vent wartet ein köstliches Abendessen mit Fleisch vom Tiroler Bergschaf auf mich. Die Tiere stammen aus eigener Produktion und weiden im Sommer auf über 3000 Metern Seehöhe. Die meisten Menschen im Bergsteigerdorf Vent leben vom Fremdenverkehr, aber die touristische Infrastruktur ist nicht auf große Menschenmassen ausgelegt.
„Bergsteigerdörfer“ sind in der Regel kleinere Orte mit großer Alpinkompetenz. Die meisten von ihnen haben sich für eine eigenständige und möglichst nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung entschieden. Was Vent so attraktiv macht, ist die pittoreske Höhenlage mit den vielen 3000ern im Blickfeld und die große Vielfalt an Wanderwegen. Die meisten führen zu Berghütten wie der Similaunhütte, die als Basislager für hochalpine Bergtouren dienen.
Am nächsten Tag wandere ich hinauf zur Ramolalm, die mir einen tollen Ausblick zur Wildspitze, dem höchsten Berg der Ötztaler Alpen, beschert. Und am Abreisetag erkunde ich noch vor dem Frühstück das Niedertal. Ich marschiere bis zur Almhütte Niederlab.
Wehmütig steige ich kurz vor zehn in den Bus, ich wäre gerne länger geblieben. Bei meiner Ankunft in Ötztal-Bahnhof stehe ich vor einer schwierigen Entscheidung: Mit dem nächsten Zug zurück nach Wien oder vielleicht doch weiter nach Vorarlberg?
Dieser Text ist eine vom Autor gekürzte Fassung von Kapitel 18 seines Buches Österreich mit dem KlimaTicket entdecken – 20 Ausflüge mit Bus und Bahn