Nach Weitra im Waldviertel

Von Reinhard Mandl*

Weithin sichtbar thront über der ältesten Braustadt Österreichs Schloss Weitra auf einem steilen Granitplateau. Eine nahezu intakte Burgmauer und das Ensemble der Bürgerhäuser am Rathausplatz tragen ebenfalls zur stimmungsvollen Atmosphäre in der mittelalterlichen Kleinstadt bei. Und der nahe Hausschachenteich verstärkt die fröhliche Ausflugsstimmung, die sich schon bei der Fahrt auf der Franz-Josefs-Bahn durch das landschaftlich reizvolle Waldviertel einstellt.

Auf Bahnsteig 2 beginnt die Reise: Von Wien Richtung Waldviertel

Würde ich diesen Ausflug alleine unternehmen, hätte ich ihn um ein paar Tage verschoben, denn seit gestern regnet es nahezu ohne Unterbrechung. Meine reiselustigen Freunde Pia und Mike sind aus beruflichen Gründen allerdings nicht so flexibel.

Wie vereinbart, treffen wir uns am Franz-Josefs-Bahnhof in Wien, wo auf Bahnsteig 2 schon der doppelstöckige Cityjet REX 41 zur Abfahrt nach Ceské Velenice bereitsteht. Der Bahnhof wurde 1872 als Endstation der Franz-Josefs-Bahn errichtet, die zu Zeiten der Donaumonarchie über Budweis und Pilsen in die ehemalige Garnisonsstadt Eger im äußersten Westen des heutigen Tschechien führte.

Bereits 1871 wurde eine Abzweigung dieser Bahnlinie von Gmünd in Richtung Norden nach Prag dem Verkehr übergeben. Diese Direktverbindung zwischen den Residenzstädten Wien und Prag war bis zum Ende der Monarchie sehr beliebt.

Nach 1918 verlor die Franz-Josefs-Bahn aufgrund der neuen politischen Verhältnisse ihre überregionale Bedeutung. Der Hauptbahnhof Gmünd lag nun auf tschechischem Staatsgebiet und wurde in Ceské Velenice umbenannt.

Anekdoten und Landschaften auf dem Weg nach Gmünd

Meine erste Fahrt mit einem „Doppeldecker“ verläuft kurzweilig, denn meine Freunde sind passionierte Bahnfahrer und wissen viele Anekdoten zu erzählen. „Schau, da stehen wieder diese Wiener Slums“, sagt Pia beim Anblick einer Schrebergartensiedlung, und fügt erklärend hinzu: „Vor Kurzem hatten wir einen Amerikaner als Sitznachbar, der beim Anblick einer Kleingartensiedlung zu seiner Frau sagte: ‚Even the slums look nice in Austria!’“

Mittlerweile liegt Tulln hinter uns, auch die Donau haben wir bereits überquert. Große gelbe Rapsfelder bringen Farbe in die verregnete Landschaft. Kurz vor Eggenburg ziehen die in Jahrmillionen aus Maissauer Granit geformten Kogelsteine unsere Blicke an.

Zwischen Eggenburg und Gmünd liegt kein größerer Ort direkt an dieser Bahnlinie. Die drei Bezirkshauptstädte Horn, Zwettl und Waidhofen an der Thaya werden in weitem Bogen umfahren und sind auf dem Schienenweg nur über kleine Zubringerbahnen zu erreichen.

Ankunft am Bahnhof Gmünd: Die Weiterfahrt mit dem Bus nach Weitra ist zwar nicht so idyllisch wie eine Fahrt mit der nostalgischen Waldviertelbahn, die leider nur mehr touristisch genutzt wird, doch dafür sind wir schneller am Ziel.

Erste Eindrücke aus Weitra: Vom „Sauteich“ zum Schlossturm

Direkt hinter dem Wartehäuschen des Weitraer Busbahnhofes befindet sich ein kleiner Teich. Er ist ein Relikt des ehemaligen Stadtteiches, der bei der Bevölkerung als „Sauteich“ bekannt war. Viehhändler aus Weitra, sogenannte „Saubarone“, kauften in Ungarn, Serbien oder Galizien ganze Schweineherden auf, die dann von Sautreibern bis ins ferne Waldviertel getrieben und nach ihrer Ankunft im Weitraer Stadtteich gewaschen wurden.

Unser Altstadt-Rundgang führt uns als Erstes hinauf zum Schloss. Zur Einstimmung auf die Stadt wollen wir den schönen Rundumblick vom Schlossturm genießen. Wir schauen hinunter auf den Rathausplatz, wo vor allem das Sgraffitohaus ins Auge sticht. Unser Blick schweift über Altstadtdächer, die nahe der Stadtpfarrkirche von einer mächtigen Eiche überragt werden. Im Norden lässt sich Altweitra blicken, das einstige Verwaltungszentrum des kuenringischen Hoheitsgebietes. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde es von Hadmar II. aus strategischen Gründen drei Kilometer nach Süden verlegt.

„Dort drüben liegt Tschechien“, sage ich zu Pia und Mike und zeige nach Westen. Der ehemalige Osten befindet sich von Weitra aus gesehen in westlicher Himmelsrichtung. Der Nebelstein ist kaum zu erkennen. Wie es seinem Namen gebührt, versteckt sich der bekannte Aussichtsberg hinter einem Gemisch aus Wolken- und Nebelschwaden. Auch der Mandlstein ist in wolkiges Weiß verpackt.

Bevor wir Schloss Weitra verlassen, besichtigen wir den großen Innenhof mit den augenfälligen Arkaden. Das Schloss beherbergt mehrere Dauerausstellungen und ist eine beliebte Location für Kulturveranstaltungen.

Unter hohen Bäumen zum stillen Hausschachenteich

Unser nächster Weg führt uns ein kurzes Stück hinaus aus der Stadt. Zwischen majestätisch hohen Bäumen schlängelt sich ein schmaler Pfad unter dem fotogenen Viadukt der Waldviertelbahn hinauf zum Hausschachenteich. Wetterbedingt ist der Badeteich heute völlig verwaist. Im Hausschachen, einem modernen Hotel-Restaurant am Rande des Golfplatzes, kehren wir zum Essen ein. Wir sitzen auf der großen überdachten Terrasse und während wir auf unseren gebackenen Karpfen warten, blicken wir auf die moorig-dunkle Teichoberfläche.

Vom Rathausplatz zur Zisterne

Nach dem köstlichen Essen schlendern wir zurück in die Altstadt. Bis zur Abfahrt unseres Busses bleibt genügend Zeit für eine kleine Sightseeing-Tour. Neben dem stattlichen Rathaus und der barocken Dreifaltigkeitssäule, sticht vor allem das berühmte Sgraffitohaus am Rathausplatz ins Auge. In der unteren Reihe der bemalten Fassade sind die „Lebensalter des Mannes“ dargestellt, denen jeweils symbolisch ein Tier zugeordnet ist.

Auf der neuen „Weitraer Biermeile“ gehen wir weiter bis zur öffentlich zugänglichen Zisterne, einem Wasserspeicher aus dem 14. Jahrhundert, der erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt wurde. Die bunt beleuchtete Zisterne wird aus drei verschiedenen Quellen mit Wasser gespeist.

Abschied aus Weitra: Durchs Obere Stadttor zurück nach Wien

Am Rückweg macht Pia eine Café-Konditorei ausfindig, wo es die ihrer Meinung nach besten Mohnzelten im ganzen Waldviertel gibt – ein ideales Mitbringsel!

Durchs Obere Stadttor, dessen kleine Fenster wie Augen aussehen, die uns mit freundlicher Miene zuzwinkern, verlassen wir die Altstadt in Richtung Busbahnhof. 17 Minuten später sind wir bereits wieder in Gmünd.

Während der Heimfahrt nach Wien zeige ich meinen Freunden, wie schön die Gegend rund um Weitra bei Sonnenschein gewesen wäre: Auf meinem Laptop klicken wir uns durch Fotos von den Altweitraer Teichen und blühenden Mohnfeldern. Aber um die beiden zum Wiederzukommen zu überreden, braucht es meine Sonnenschein-Fotos gar nicht. Und vielleicht klappt es bei unserem nächsten Waldviertel-Ausflug ja auch mit dem Wetter – wenn nicht, gehen wir einfach wieder gemeinsam im Regen spazieren!

* Dieser Text ist eine vom Autor gekürzte Fassung von Kapitel 10 seines Buches Österreich mit dem KlimaTicket entdecken – 20 Ausflüge mit Bus und Bahn.